Freitag, 4. Juli 2008
Angst
Die Sonne kitzelt sanft meine Augenlieder. Ruckartig schlage ich die Augen auf. Ein unangenehmes Gefühl macht sich in der Magengegend breit. Vom Schlaf benommen reicht die Hand zum Handy. Kurz vor neun, kurz bevor der Wecker geklingelt hätte. Das Gefühl in der Magengrube ist noch vorhanden. Langsam taumel ich in die Küche. Der Zustand des bewusstwerdens tritt ein. Mein schlechtes Gefühl wird erzeugt durch Angst den Tag zu starten. Die Gedanken wandern über Themen von "kein Geld", "scheiße heute keine Arbeit", "Der Dispot bei der Sparkasse ist schon voll ausgereizt" und "Was tun um den Tag zu füllen, ohne sich wieder ins Bett zu verkriechen?". Nach dem öffnen des Kühlschranks wandert der Blick vom obersten Fach bis zum untersten und schließlich zur Innenseite der Tür. "Hunger? nein..." Das Gefühl ist zu beklemmend und raubt mir jeglichen Appetit. Langsam schleiche ich ins Wohnzimmer, um den PC in der Ecke anzuschmeißen. Mit lautem piepen und surren fährt die Kiste hoch. Den Explorer geöffnet und bei web.de Emails checken. Zwischen einer Abo-Mail für gute Gedanken für den Tag, befinden sich im Postfach nur drei Meldungen von uninteressanten Leuten bei StudiVZ, deren einziger Grund mich anzuschreiben wahrscheinlich der ist, dass ihr Leben genauso spannend ist wie meins. Also zuerst die gute Nachricht des Tages. Gut Gott ist schonmal auf meiner Seite, dann kann ja nichts mehr schief gehen. Ich bewege mich vom Rechner in die Küche und laufe kreuz und quer durch die Wohnung und das beschissene Gefühl macht sich in allen Zellen meines Körpers breit. Erstmal Kaffee aufgesetzt und abwarten. Ein weiterer Blick aus dem Fenster macht nur noch mehr frust. Das schöne Wetter kann fürs erste nicht überzeugen. Soll ich rausgehen und eine runde über Gott im Hof meditieren. Viel zu anstrengend und außerdem bringt das auch keine Lösung herbei. Nachdem der Kaffee meine trockene Kehle durchspühlt hat, schleiche ich ins Bad um mich kurzzeitig mit einer erfrischenden Dusche und einer abgenutzten Zahnbürste abzulenken. Nachdem diese Tat erfolgreich vollbracht ist, wander ich zum Kleiderschrank, um mir ein tolles Outfit für meinen super tollen untrainierten Waschbärenkörper herauszusuchen. Als ich mich von Clark Kant zu Superman mit weißem Hemd mit roten Nadelstreifen von C&A und eng ansitzender Noname-Jeans verwandelt habe, kommt mir der Erleuchtungsmoment: "Geh raus und such dir nen Minijob. Du kannst ja bei REWE ma anfragen". Ob nun 400 Euro haben oder nicht haben ist ein großer unterschied, denke ich mir. Ich packe die Taschen voll mit Handy, MP3-Player, denn gute Mucke darf auf meinem Siegeszug nicht fehlen und Potte voll. Achja, Wohnungschlüssel nicht vergessen. Die fashen Timberland Seglerschuhe, die etwas in die Jahre gekommen sind fest zugeschnürt und rauf auf die Straße. Straight zum Kiosk an der Ecke, um das Ego vom Besitzer, den ich schon kenne seit dem ich hier wohne, nochmal richtig aufpolieren zu lassen, und natürlich ein paar Extra White Kaugummis zum aufhellen der Beißerchen. Nach einem kurzen Smalltalk und die Bestätigung, dass meine Frisur sitzt, gehts dann auf in den nächsten Bus. Zum Glück braucht man hier in Berlin keine gültige Fahrtkarte, denn der alte Sack am Steuer ist ja selber nur am schwitzen und keuchen. In der City angekommen natürlich gleich in die nächste Mall. Überall spriesen diese neueartigen Modeerscheinungen mit amerikanischer Abstammung aus dem Boden. Für eine Welt in der der Konsum keine Grenzen kennt. Zumindest für die, die sich ihn leisten können. Ab ins Kühle Untergeschoss und hin zur Filialleiterin, die mir leider mitteilen muss, dass REWE eine extra Firma besitzt, die die Regale auffüllen, aber sie nimmt meine Nummer. Wieder raus in die Sonne. Draußen angekommen, kommt mir der Gedanke meinen Personalausweis zu erneuern. Also ab zum nahegelegenen Bürgeramt. Na super, die Türen sind verschlossen! "Wir sind umgezogen!", steht in großen Druckbuchstaben an der Tür. Zufällig kommt mir ein Polizist entgegen, den ich höflich, wie sich das gehört, nach dem nächsten Bürgeramt ausfrage. Mit der gewonnenen Information also in den nächsten Bus gehüpft. Bei dem nächsten Bürgeramt angekommen, kommt dann die Hiobsbotschaft. Die Dame am Informationsschalter erklärt mir, dass heute im gesammten Gebiet die Computer lahm liegen. Innerlich fange ich an zu kochen, was nicht nur an den 34 Grad im Schatten liegt und wische mir erstmal die Schweißperlen von der Stirn. Sie verweißt mich auf Bürgerämter in anderen Bezirken und drückt mir eine Broschüre in die Hand. Ich denke mir: "Naja einmal versuchst du es noch." Ich quäle mich in die Überfüllte U-Bahn, die voll ist mit überhitzten Studenten, die das Wetter ebenfalls sehr bedrückt. Aus dem Schweißbad herausgetreten und einigen hundert Metern laufen stehe ich vor meinem Ziel. Nach kurzer Wartezeit am Informationsschalter erfahre ich, dass eine Erneuerung des Personalausweises nicht möglich sei, da die Mitarbeiter zur Zeit unbefristet streiken würden. "HAMMER!" Um nicht vor Hitze und Wut zu kollabieren, verlasse ich den Drecksladen und bewege mich zur Currybude an der Ecke. Zischhhh, und erstmal ein kühles Bier von meinen letzten Euros eingeklingt. Zur feier des Tages belohne ich mich nun selbst und fahre in den nächsten Park für ein ausgiebiges Sonnenbad. Mal schauen was morgen kommt.

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